Der Rabe und der Fuchs – Gotthold Ephraim Lessing
Der Rabe und der Fuchs – Gotthold Ephraim Lessing
Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner für die Katzen seines Nachbars hingeworfen hatte, in seinen Klauen fort.
Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich ein Fuchs herbei schlich, und ihm zurief: Sei mir gesegnet, Vogel des Jupiters! – Für wen siehst du mich an? fragte der Rabe. – Für wen ich dich ansehe? erwiderte der Fuchs. Bist du nicht der rüstige Adler, der täglich von der Rechte des Zeus auf diese Eiche herab kömmt, mich Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn nicht in der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich zu schicken noch fortfährt?
Der Rabe erstaunte, und freuete sich innig, für einen Adler gehalten zu werden. Ich muß, dachte er, den Fuchs aus diesem Irrtume nicht bringen. – Großmütig dumm ließ er ihm also seinen Raub herabfallen, und flog stolz davon.
Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf, und fraß es mit boshafter Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes Gefühl; das Gift fing an zu wirken, und er verreckte.
Möchtet ihr euch nie etwas anders als Gift erloben, verdammte Schmeichler!
Gotthold Ephraim Lessing (gestorben 1781): Der Rabe und der Fuchs, 1759. Wortlaut nach: Fabeln. Drey Bücher, Erstes Buch, Nummer XV, Berlin 1759. Gemeinfrei seit 1852.
- erzürnte – Sehr zornig, also wütend.
- Vogel des Jupiters – Der Adler. Jupiter ist der höchste Gott der Römer, der Adler sein Vogel.
- rüstige – Kräftig und gesund, obwohl schon älter.
- erflehte – Etwas, um das jemand dringend gebeten hat.
- Irrtume – Ein Irrtum ist ein Gedanke, der falsch ist, ohne dass der Denkende es merkt.
- erloben – Sich etwas durch Lob verschaffen. Das Wort gibt es heute nicht mehr.
- Was trägt der Rabe bei sich, als der Fuchs ihn anspricht? (im Text)
_______________________________________________ - Warum lässt der Rabe das Fleisch fallen? (aus dem Text)
_______________________________________________ - Der letzte Satz warnt die Schmeichler. Wen warnt er nicht, obwohl er es müsste? (über den Text hinaus)
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Es gibt nicht die eine richtige Deutung. Es gibt aber falsche: die, für die im Text nichts steht. Wer etwas behauptet, nennt die Zeile.
Gib dem Raben eine Stimme: Schreibe die Antwort, die er dem Fuchs hätte geben können, und danach den Schluss der Fabel neu. Vier bis sechs Sätze.