Literaturstunde: etwas mit dem Text machen
Eine Literaturstunde ist keine Lesestunde mit einem anderen Text. Beim Sachtext geht es darum, was dasteht; beim literarischen Text darum, wie es dasteht und was es mit einem macht. Deshalb steht in der Mitte dieser Stunde ein Auftrag und keine Analyse – weiterschreiben, umschreiben, eine Leerstelle füllen, vortragen (Haas, Menzel und Spinner 1994). Und deshalb gilt die ganze Stunde eine Regel: Es gibt nicht die eine richtige Deutung. Es gibt aber falsche: die, für die im Text nichts steht. Wer etwas behauptet, nennt die Zeile.
Die Texte sind gemeinfrei (§ 64 UrhG), jeder Wortlaut aus zwei Quellen gegengeprüft. Drucken, ändern und weitergeben ist erlaubt; die Quellenzeile steht auf dem Blatt.
Der Rabe und der Fuchs
Gotthold Ephraim Lessing, 1759
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
Theodor Fontane, 1889
Erlkönig
Johann Wolfgang von Goethe, 1782
Der Handschuh
Friedrich Schiller, 1797
Der Knabe im Moor
Annette von Droste-Hülshoff, 1842
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten
Heinrich Heine, 1824
Nicht „still lesen“, sondern begleitet lesen
Wahlfreiheit beim Buch und Lesezeit in der Schule erhöhen Lesemotivation und Lesemenge (Guthrie und Wigfield 2000); Lesefreude und Leseleistung hängen zusammen (OECD, PISA 2018, korrelativ); Lesemenge sagt den Wortschatz vorher (Cunningham und Stanovich 1998, korrelativ). Für stilles Lesen OHNE Begleitung fand das National Reading Panel keine ausreichende Evidenz (NICHD 2000) – begleitetes stilles Lesen mit Buchwahl, Einzelgespräch und Aussprache danach lag dagegen auf der Höhe des geführten Lautlesens (Reutzel, Jones, Fawson und Smith 2008). Deshalb hat dieser Baustein eine Anlaufhandlung davor, ein Einzelgespräch währenddessen, einen Eintrag danach und ein Gespräch am Ende. Das Lesetagebuch wird nicht benotet, weil erwartete Belohnungen und Kontrollen die intrinsische Motivation senken (Deci, Koestner und Ryan 1999).
Was Sie während der Lesezeit tun
Zwei Kinder je Lesezeit, je zwei Minuten, nach Liste reihum. Danebensetzen, leise.
- Worum geht es gerade in deinem Buch?
- Lies mir den Satz vor, bei dem du stehst.
- Was glaubst du, wie es ausgeht?
- Ist das Buch zu schwer, zu leicht oder passt es?
- Nicht fragen, auf welcher Seite das Kind steht – das ist eine Kontrolle, und sie wird als eine verstanden.
- Nicht in der Lesezeit korrigieren. Wer stockt, bekommt ein leichteres Buch, keine Ansage.
- Nicht am Pult sitzen und selbst lesen. Das Vorbild kostet die Begleitung, und die Begleitung ist das Wirksame.
Das Lesetagebuch
Dein Lesetagebuch gehört dir. Es bekommt keine Note, und niemand muss es vorzeigen. Wenn du magst, liest du daraus vor.
- Keine Note. Auch keine Punkte, keine Sammelstempel, kein Haken für Vollständigkeit.
- Kein Einsammeln. Wer vorlesen will, liest vor; wer nicht will, nicht.
- Keine Mindestzahl an Zeilen. Ein guter Satz ist mehr wert als fünf gefüllte Zeilen.
- Keine Rechtschreibkorrektur im Lesetagebuch. Dafür ist die Schreibstunde da.
- Ein Eintrag je Lesezeit, und immer nur der eine Satzanfang, der heute dran ist.
Wie viel Lesezeit hatte die Klasse?
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- 1. Beim Lesen Vorstellungen entwickeln – Erstbegegnung: Was hast du gesehen?
- 2. Subjektive Involviertheit und genaue Wahrnehmung ins Spiel bringen – Die eigene Deutung wird an der Zeile festgemacht.
- 3. Sprachliche Gestaltung aufmerksam wahrnehmen – Zwei Vortragsweisen: Welche gibt der Wortlaut her?
- 4. Perspektiven literarischer Figuren nachvollziehen – Der produktive Auftrag schreibt aus einer Figur heraus.
- 8. Sich auf die Unabschließbarkeit des Sinnbildungsprozesses einlassen – Zwei Deutungen nebeneinander, beide belegt.
Fünf von elf Aspekten. Die übrigen sechs – Handlungslogik, Fiktionalität, Metaphorik, das literarische Gespräch, Gattungsvorstellungen, literaturhistorisches Bewusstsein – brauchen andere Stunden, teils eine ganze Reihe. Ein Katalog, der über jeder Stunde vollständig steht, sagt nichts mehr darüber, was in dieser Stunde passiert.