Ein Text je Abend, drei Fragen, fünf bis zehn Minuten. Das Kind liest laut vor, die Eltern fragen. Grundlage ist das dialogische Lesen – die wirksamste bekannte Form, in der Eltern die Lesekompetenz stützen (Metaanalyse 2000–2025: g = 0,76). Die Karte ist Papier, weil das Ankreuzen zu Hause bleibt und weil die Familien, die sie am meisten brauchen, am seltensten ein Tablet auf dem Küchentisch haben.
Abendkarte · Klasse 7 · Woche 1Fünf bis zehn Minuten. Fünf Abende von sieben reichen.
Die eine Regel: Lassen Sie Ihr Kind reden. Wiederholen Sie, was es gesagt hat, und hängen Sie einen Satz dran. Let your child do the talking. Repeat what they said, then add one sentence of your own.
Ihr Kind liest den Text laut vor. Sie hören zu. Bei einem Fehler: vier Sekunden warten, dann das Wort sagen.
Sie stellen die drei Fragen – in dieser Reihenfolge.
Ihr Kind kreuzt an: gelesen, und welche Stelle es am besten fand.
Steht im Text – Die Antwort steht wörtlich da. Wenn das Kind sie nicht weiß: gemeinsam die Stelle suchen, nicht vorsagen.Steht zwischen den Zeilen – Die Antwort muss man sich zusammenreimen. Fragen Sie nach: „Woran merkst du das?“Was denkst du? – Es gibt keine falsche Antwort. Hören Sie zu, wiederholen Sie, was das Kind sagt, und hängen Sie einen eigenen Gedanken dran.
Montag
Der falsche Bus
163 Wörter
Lina stand an der Haltestelle und schaute auf die Anzeige. Der M29 sollte in zwei Minuten kommen. Sie hatte noch nie allein zur Turnhalle in Wilmersdorf fahren müssen, aber ihre Mutter hatte heute eine Schicht im Krankenhaus.
Ein Bus kam. Lina stieg ein, setzte sich ans Fenster und steckte die Kopfhörer ein. Nach drei Stationen fiel ihr auf, dass die Straße nicht stimmte. Statt der großen Kreuzung mit dem Kino kam ein Park, den sie nicht kannte.
Sie nahm die Kopfhörer heraus und las die Anzeige über der Tür: M19. Nicht M29. Lina spürte, wie ihr heiß wurde. Sie hätte an der nächsten Station aussteigen und zurückfahren können. Stattdessen atmete sie einmal tief durch und öffnete die Karte auf dem Handy.
Die Turnhalle war von hier aus zu Fuß zwölf Minuten entfernt. Der Bus hätte sie nicht näher gebracht. Lina stieg aus und lief los. Sie kam vier Minuten zu spät – und wusste jetzt, wie man einen Fehler in einen Umweg verwandelt.
Steht im TextWelchen Bus wollte Lina nehmen, und welchen hat sie genommen?Für Sie: Sie wollte den M29 und nahm den M19.
Steht zwischen den ZeilenWarum hat Lina den falschen Bus nicht sofort bemerkt?Für Sie: Sie hatte Kopfhörer drin und schaute aus dem Fenster statt auf die Anzeige.
Was denkst du?Lina ist ausgestiegen und gelaufen, statt zurückzufahren. Hättest du das auch gemacht?
Beste Stelle: ____________________________
Tuttuno, eigener Text (2026)
Dienstag
Ein Tag mit Frau Okafor
161 Wörter
Frau Okafor ist Elektrikerin. Sie arbeitet seit elf Jahren in einem Betrieb in Tempelhof, der Stromleitungen in Wohnhäusern verlegt und repariert. Ihr Tag beginnt um sieben Uhr mit einem Blick auf den Plan: Welche Baustelle, welches Material, welcher Kollege.
Heute geht es um eine alte Wohnung in Neukölln. Die Leitungen sind aus den Sechzigerjahren, und die neue Küche braucht mehr Strom, als sie liefern können. Frau Okafor misst zuerst. Sie schaltet den Strom ab, prüft mit einem Gerät, ob wirklich keine Spannung mehr anliegt, und beginnt erst dann zu arbeiten. „Diese Reihenfolge ist keine Vorschrift, die man abnicken kann“, sagt sie. „Sie ist der Grund, warum ich seit elf Jahren zehn Finger habe.“
Am Nachmittag kommt ihr Azubi dazu, ein Sechzehnjähriger im ersten Lehrjahr. Er darf die Kabel zuschneiden, sie kontrolliert. Um vier Uhr ist die Wohnung fertig. Frau Okafor schreibt auf, was sie verbaut hat, und fotografiert die Verteilung. „Der Nächste, der hier aufmacht, soll wissen, was ich gemacht habe.“
Steht im TextWas macht Frau Okafor, bevor sie mit der Arbeit beginnt?Für Sie: Sie schaltet den Strom ab und prüft mit einem Gerät, ob keine Spannung mehr anliegt.
Steht zwischen den ZeilenWas meint sie mit dem Satz über ihre zehn Finger?Für Sie: Dass die Sicherheitsregel sie vor Unfällen bewahrt hat – wer sie überspringt, kann sich schwer verletzen.
Was denkst du?Sie fotografiert am Ende ihre Arbeit für die nächste Person. Findest du das wichtig – oder übertrieben?
Beste Stelle: ____________________________
Tuttuno, eigener Text (2026)
Mittwoch
Der Elfmeter
172 Wörter
Es stand eins zu eins, und noch zwei Minuten waren zu spielen. Dann fiel Samir im Strafraum. Der Schiedsrichter zeigte auf den Punkt.
Alle schauten zu Emre. Er war der Kapitän, er hatte in dieser Saison jeden Elfmeter geschossen. Aber Emre ging zu Samir, der noch am Boden saß, und sagte: „Du bist gefoult worden. Du schießt.“
Samir hatte noch nie einen Elfmeter in einem echten Spiel geschossen. Seine Beine fühlten sich an wie aus Watte. Er legte den Ball auf den Punkt, ging vier Schritte zurück und schaute den Torwart an. Der Torwart schaute zurück.
Samir schoss flach nach links. Der Torwart sprang nach rechts. Zwei zu eins.
Nach dem Spiel fragte der Trainer Emre, warum er nicht selbst geschossen habe. Emre zuckte mit den Schultern. „Wenn er trifft, hat die Mannschaft einen Spieler mehr, der Elfmeter schießen kann. Wenn er nicht trifft, haben wir nichts verloren, was wir nicht auch mit mir hätten verlieren können.“ Der Trainer sagte nichts. Aber er ließ Emre auch in der nächsten Saison Kapitän sein.
Steht im TextWer hat den Elfmeter geschossen, und wohin?Für Sie: Samir, flach nach links.
Steht zwischen den ZeilenWarum hat der Trainer Emre in der nächsten Saison wieder zum Kapitän gemacht?Für Sie: Weil Emre an die Mannschaft gedacht hat und nicht an sich – das zeichnet einen Kapitän aus.
Was denkst du?Emre hat ein Risiko für die Mannschaft eingegangen. War das mutig oder leichtsinnig?
Beste Stelle: ____________________________
Tuttuno, eigener Text (2026)
Donnerstag
Zwölf Prozent
165 Wörter
Die Kopfhörer, die Jonas wollte, kosteten 80 Euro. Im Schaufenster stand ein Schild: „Heute 12 Prozent Rabatt.“ Jonas hatte 72 Euro. Er rechnete im Kopf: zwölf Prozent von achtzig – das sind knapp zehn Euro. Also etwa siebzig. Das reicht.
An der Kasse zeigte das Display 70,40 Euro. Jonas zahlte und hatte 1,60 Euro übrig. Auf dem Weg nach Hause dachte er darüber nach, wie er das gerechnet hatte. Zehn Prozent von achtzig sind acht. Ein Prozent ist ein Zehntel davon, also 80 Cent. Zwei Prozent sind 1,60 Euro. Acht plus 1,60 sind 9,60 Euro Rabatt. Achtzig minus 9,60 sind 70,40. Genau wie an der Kasse.
Seine Schwester war beeindruckt, als er es ihr erzählte. „Und wenn es 15 Prozent gewesen wären?“, fragte sie. Jonas überlegte. Zehn Prozent sind acht Euro. Fünf Prozent sind die Hälfte davon, vier Euro. Zwölf Euro Rabatt, also 68 Euro. „Dann hätte ich sogar noch vier Euro gehabt“, sagte er. „Und du hättest mir ein Eis ausgegeben“, sagte seine Schwester.
Steht im TextWie viel hat Jonas an der Kasse bezahlt?Für Sie: 70,40 Euro.
Steht zwischen den ZeilenWie hat Jonas die zwölf Prozent im Kopf zerlegt?Für Sie: In zehn Prozent (8 Euro) und zwei Prozent (1,60 Euro).
Was denkst du?Jonas hat vor dem Kauf grob geschätzt und erst danach genau gerechnet. Ist das eine gute Reihenfolge?
Beste Stelle: ____________________________
Tuttuno, eigener Text (2026)
Freitag
Das Handy im Kasten
161 Wörter
Seit Montag müssen alle Handys morgens in einen Kasten am Lehrerpult. Um halb zwei bekommt man es zurück. Mia fand das am ersten Tag unerträglich. Sie griff in der zweiten Stunde dreimal in die leere Jackentasche.
Am Mittwoch bemerkte sie etwas. In der Pause redeten die Leute. Nicht alle, und nicht die ganze Zeit. Aber Ayşe, die sonst immer auf ihr Handy schaute, saß bei ihr auf der Fensterbank und erzählte von ihrer Katze, die nachts auf dem Küchentisch schlief. Mia hatte nicht gewusst, dass Ayşe eine Katze hat. Sie kannten sich seit der fünften Klasse.
Am Freitag fragte die Klassenlehrerin, wie die Woche war. Ein paar sagten, es sei schrecklich. Zwei sagten, sie hätten zum ersten Mal seit Langem ihre Hausaufgaben in der Schule fertig gemacht. Mia sagte nichts. Sie dachte an die Katze auf dem Küchentisch.
Zu Hause holte sie das Handy aus dem Rucksack. 47 Nachrichten. Sie las sie durch. Keine davon war so interessant wie die Katze.
Steht im TextWas hat Mia am Mittwoch über Ayşe erfahren?Für Sie: Dass Ayşe eine Katze hat, die nachts auf dem Küchentisch schläft.
Steht zwischen den ZeilenWarum sagt Mia am Freitag nichts, als die Lehrerin fragt?Für Sie: Sie hat gemerkt, dass ihr die Woche etwas gebracht hat, will das aber vor der Klasse nicht zugeben.
Was denkst du?Was würdest du in der Pause machen, wenn niemand ein Handy hätte?
Beste Stelle: ____________________________
Tuttuno, eigener Text (2026)
Drei Checklisten
Klassenleitung · Eltern · Lehrkraft
Die Schwelle für die Klassenleitung liegt bei 100 Wörtern pro Minute (Rosebrock & Nix): Darunter bindet das Entziffern die Aufmerksamkeit, die für den Sinn gebraucht würde. Wer darunter liegt, braucht das Leseband vor dem Stoff – das ist die eine Entscheidung, die eine Klassenleitung in Sachen Lesen treffen kann.
Klassenleitung
Einmal im Quartal, in der Klassenleiterstunde
Jedes Kind hat seine Lesegeschwindigkeit gemessen (Wörter pro Minute, laut, ein bekannter Text). Wer unter 100 liegt, steht auf der Liste.
Für die Kinder auf der Liste kommt das Leseband vor dem Stoff – das ist mit den Fachlehrkräften abgesprochen.
Die Abendkarte ist an alle Eltern gegangen, in der Sprache der Familie, mit dem Satz für die Eltern und nichts weiter.
Ich habe drei Eltern gefragt, ob sie die Karte benutzen – und was sie daran ändern würden.
Eltern
Jeden Abend, fünf bis zehn Minuten – an der Kühlschranktür
Nicht „hat gelesen“, sondern: Wir haben über den Text gesprochen.
Ich habe eine Frage gestellt, bei der es keine falsche Antwort gibt.
Ich habe wiederholt, was mein Kind gesagt hat, und einen Satz drangehängt.
Mein Kind hat laut gelesen, und ich habe bei einem Fehler vier Sekunden gewartet.
Sieben Kästchen. Fünf reichen.
Lehrkraft
Vor jeder Lesezeit – vier Häkchen, dann läuft es
Der Text steht auf der Bahn oder liegt gedruckt bereit, für jedes Tandem einmal.
Die Tandems sind eingeteilt: ein flüssiger Leser als Tutor, einer, der es werden soll, als Sportler. Die Rollen wechseln nicht.
Die Uhr ist sichtbar. Fünfzehn Minuten, dann Schluss – auch mitten im Text.
Die Rollenkarten liegen aus: Tutor liest halblaut mit und tippt bei einem Fehler auf den Tisch; Sportler liest weiter, sobald er es erkannt hat.
Lesen · Klasse 3 bis 10 · ohne Lehrkraft
Lesetraining allein
Leseflüssigkeit misst man, indem jemand zuhört – das macht das Leseband. Ein Kind zu Hause hat oft niemanden dafür, und eine Tonaufnahme seiner Stimme geht hier grundsätzlich nirgendwohin. Deshalb steht hier ein stilles Verfahren: zwei Sitzungen in der Woche, je zwölf Minuten, immer derselbe Ablauf, und alle drei Wochen eine Messung von 3 Minuten. Es wird nichts an einen Server geschickt; alles bleibt in diesem Browser.
Einen Augenblick.
Für Eltern und Lehrkräfte
Was dort gemessen wird – und was nicht
Das Verfahren
Ein fortlaufender Text, in dem etwa jedes 7. Wort durch 3 Wörter zur Wahl ersetzt ist. Das Kind liest still und entscheidet beim Weiterlesen. Nach 3 Minuten ist Schluss, gezählt werden die richtigen Entscheidungen.
Das Verfahren heißt Maze und gehört zur curriculumbasierten Lernverlaufsmessung (Guthrie und andere 1974; Fuchs und Fuchs 1992; Shin, Deno und Espin 2000). Dasselbe Aufgabenformat verwendet der deutsche normierte Lesegeschwindigkeits- und -verständnistest für die Klassen 5 bis 12 (Schneider, Schlagmüller und Ennemoser 2007).
Warum nicht Vorlesen
Weil dafür jemand zuhören und mitzählen muss. In der Schule tut das die Lehrkraft oder ein Tandempartner, zu Hause oft niemand.
Der Zusammenhang zwischen Lesetempo und Verstehen nimmt ab Klasse 5 deutlich ab (Jenkins und Jewell 1993). Genau dort trägt das stille Verfahren besser. In Klasse 3 wäre das Vorlesen die schärfere Messung, wenn jemand zuhören kann – dann ist das Leseband die erste Wahl.
Was es nicht misst
Verstehen unter Zeit, Satz für Satz. Nicht, ob ein Kind einen Text im Ganzen deuten, eine Aussage darin belegen, ihn mit anderem verbinden oder schön vorlesen kann. Dafür gibt es keine Drei-Minuten-Messung.
Die Zahl ist eine Praxisgröße und kein normierter Test. Sie steht nie neben der Zahl eines anderen Kindes.
Die vier Fragen, die geübt werden
Eine je Sitzung, im Wechsel. Sie stammen aus dem reziproken Lehren (Palincsar und Brown 1984) – dort im Gruppengespräch, hier still für sich, weil genau das das Ziel des Verfahrens ist. Zur Ehrlichkeit gehört die Größenordnung: In der Übersicht von Rosenshine und Meister 1994 wirkt das Training auf selbst entwickelte Tests stark und auf normierte Tests deutlich schwächer.
Vorhersagen: „Was kommt jetzt?“ – Lies die Überschrift und den ersten Absatz. Sag dir dann, was im nächsten Absatz stehen wird. Woran du merkst, dass du es getan hast: Du hast etwas gesagt, das noch nicht dasteht – und liest danach nach, ob es stimmte.
Fragen stellen: „Welche Frage beantwortet dieser Absatz?“ – Stelle nach jedem Absatz eine Frage, die man mit genau diesem Absatz beantworten kann. Woran du merkst, dass du es getan hast: Deine Frage hat eine Antwort im Text – und nicht nur ein Wort daraus.
Klären: „Was habe ich nicht verstanden?“ – Halte an der Stelle an, die unklar ist. Lies den Satz davor und danach noch einmal und entscheide, ob es jetzt klar ist. Woran du merkst, dass du es getan hast: Du kannst sagen, WELCHES Wort oder welcher Satz unklar war. „Alles unklar“ zählt nicht.
Zusammenfassen: „Worum ging es – in einem Satz?“ – Sag den ganzen Text in einem Satz, so, dass jemand ihn versteht, der ihn nicht gelesen hat. Woran du merkst, dass du es getan hast: Dein Satz hat das Wichtigste und nicht das Erste.