Beziehungsarbeit: was wirkt – und was Tuttuno davon trägt
Beziehung entsteht zwischen Menschen. Ein Programm kann die Rituale liefern, die nachweislich wirken, sie klein genug machen, dass sie bleiben, und helfen, niemanden zu vergessen – ohne ein Kind zu erfassen.
Sechs Rituale mit Beleg
Vor der Stunde an der Tür stehen, jedes Kind mit Namen ansehen, ein Satz („Schön, dass du da bist“ / „Wie war das Spiel?“). Erst dann rein.
Falle: Die Begrüßung als Kontrolle nutzen („Hast du die Hausaufgaben?“). Dann ist sie keine.
Cook u. a. 2018: +20 Punkte Lernzeit, −9 Punkte Störungen.
Mit dem Kind, das dich am meisten Kraft kostet: zwei Minuten reden, über alles außer Schule. Zehn Schultage lang. Der Zähler unten führt Buch – mit Nummer, nicht mit Namen.
Falle: Es ausfallen lassen, wenn der Tag schlecht war. Gerade dann.
Wlodkowski 1983; in der Praxis der verlässlichste Einstieg bei Dauerkonflikten.
Auf jede Zurechtweisung vier anerkennende Rückmeldungen – konkret, beobachtbar („Du hast auf Marie gewartet“), nicht „gut gemacht“.
Falle: Lob als Währung („wenn ihr leise seid …“). Anerkennung ist keine Bezahlung.
Cook u. a. 2017.
Vor jeder Korrektur der Satz: „Ich sage dir das, weil ich weiß, dass du das kannst.“ Dann die Kritik, konkret, mit dem nächsten Schritt.
Falle: Den Satz sagen und die Erwartung dann nicht halten (kein nächster Schritt, keine zweite Chance).
Yeager u. a. 2014: Überarbeitung 17 % → 71 % (afroamerikanische Jugendliche, Studie 1).
In der ersten Klassenleiterstunde und vor jeder Klassenarbeit: „Fast alle finden das am Anfang schwer. Das geht vorbei, und zwar so: …“ – mit einem Beispiel von Älteren.
Falle: „Das schaffst du schon“ ohne das Wie. Es braucht den Weg, nicht den Zuspruch.
Walton & Cohen 2011 (Science): Wirkung über drei Jahre.
Wöchentlich, feste Struktur, vier Ämter (Leitung, Protokoll, Zeit, Regeln), Themen aus der Klassenratsbox. Die Lehrkraft sitzt im Kreis, leitet nicht.
Falle: Der Klassenrat als Gericht (Beschwerden über Einzelne). Themen sind Anliegen, keine Anklagen.
Friedrichs 2009; DeGeDe: Klassenklima, Selbstwirksamkeit.
2×10-Zähler
Nur auf diesem Gerät gespeichert. Über alles reden außer Schule.
Was Tuttuno trägt
- Die Rituale mit Beleg und Falle – auf einer Seite, druckbar.
- Den Klassenrat als fertige Stunde mit Ämtern, Regeln, Ablauf.
- Den 2×10-Zähler mit Nummern, nur im Browser: Tag 1 bis 10, ein Häkchen je Tag.
- Die Gesprächsnotiz (was wurde vereinbart), verschlüsselt, mit Wiedervorlage – siehe Klassenleitung → Gespräche.
- Den Zufallsaufruf, damit niemand übersehen wird, und die Begrüßungsliste (Nummern, die diese Woche noch nicht dran waren).
Was nicht
- Ein Kind einschätzen, profilieren oder „Beziehungsstand“ speichern – das wäre ein Persönlichkeitsprofil und ist ausgeschlossen.
- Die Beziehung selbst. Zwei Minuten an der Tür kann nur die Lehrkraft.
Klassenrat – die wöchentliche Klassenleiterstunde
Ämter
| Leitung | Eröffnet, ruft auf, fasst zusammen, schließt. Sagt nicht die eigene Meinung. |
| Protokoll | Schreibt Beschlüsse auf: wer, was, bis wann. Liest sie am Ende vor. |
| Zeit | Zeigt bei zwei Minuten Rest die Hand. Ein Thema dauert höchstens zehn Minuten. |
| Regeln | Erinnert an die Gesprächsregeln – ohne zu urteilen: „Ausreden lassen.“ |
Regeln
- Wer spricht, wird nicht unterbrochen.
- Wir reden über Anliegen, nicht über Personen.
- Ich-Sätze: „Mich stört …“, nicht „Du bist …“.
- Beschlüsse gelten für alle, auch für die Lehrkraft.
Ablauf (45 min)
| 5′ | Positive Runde Reihum ein Satz: Was war diese Woche gut? Wer nichts sagen will, sagt „weiter“. Die Lehrkraft ist Teil der Runde. |
| 5′ | Themen der Box Die Leitung liest die Zettel der Klassenratsbox vor (nur Anliegen, keine Namen). Die Klasse wählt per Handzeichen zwei Themen für heute. |
| 10′ | Thema 1 Wer hat den Zettel geschrieben? Anliegen in einem Satz. Rückfragen. Vorschläge sammeln (Protokoll schreibt mit). Abstimmung. Beschluss: wer, was, bis wann. |
| 10′ | Thema 2 Wie Thema 1. Reicht die Zeit nicht: Zettel bleibt in der Box für nächste Woche. |
| 5′ | Beschlüsse und Ämterwechsel Protokoll liest die Beschlüsse vor. Ämter wechseln reihum – jede Person jedes Amt einmal im Halbjahr. |
| 10′ | Reserve / Klassenanliegen der Lehrkraft Termine, Organisatorisches, Elternabend, Ausflug. Kurz. Was die Klasse entscheiden kann, entscheidet die Klasse. |
- Die ersten drei Klassenräte leitet die Lehrkraft mit einer Schülerin zusammen – dann nur noch die Schüler:innen.
- Die Box steht immer im Raum. Zettel ohne Anliegen („X nervt“) gehen zurück mit der Frage: „Was soll anders sein?“
- Beschlüsse werden nächste Woche zuerst geprüft: Was ist passiert? Sonst glaubt niemand mehr an den Rat.
Klassenrat nach Blum & Blum (2012) / DeGeDe; Gesprächsregeln aus der Praxis; Beleg: Friedrichs 2009.
Aussehen und Respekt – eine fertige Klassenratsstunde · Klasse 5 bis 10, Klassenleitung, 45 Minuten, im Kreis wie im Klassenrat
Ziel: Die Klasse vereinbart: Über Körper und Aussehen anderer wird nicht geurteilt, auch nicht im Chat. Und alle kennen drei Sätze, mit denen man einschreitet.
Material: Leere Zettel für die anonyme Schätzung, Tafel, das Protokoll des Klassenrats. Regeln: Wer spricht, wird nicht unterbrochen. Wir reden über Anliegen, nicht über Personen. Ich-Sätze: „Mich stört …“, nicht „Du bist …“. Beschlüsse gelten für alle, auch für die Lehrkraft.
Ablauf (45 Minuten)
| 5′ | Ankommen und Regel für heute Die Lehrkraft nennt das Thema und eine Regel für diese Stunde: Wir reden über ein Thema, nicht über Personen. Niemand erzählt mit Namen, was ihm oder anderen passiert ist. Wer nichts sagen will, sagt „weiter“. „Heute geht es um Aussehen und Respekt. Wir reden über das Thema, nicht über jemanden hier im Raum.“ |
| 10′ | Die Schätzung Ein erfundener Fall, niemand trägt etwas vor: „Stell dir vor, du kommst mit einem peinlichen T-Shirt in die Klasse. Wie viele von uns bemerken es?“ Jedes Kind schreibt eine Zahl auf einen Zettel, ohne Namen. Die Zeitwache sammelt ein, die Lehrkraft schreibt die Zahlen an die Tafel. Dann der Befund: In Versuchen bemerkten es viel weniger Menschen, als die Betroffenen geschätzt hatten. „Schreibt eine Zahl auf, ohne Namen. Wie viele würden es bemerken?“ |
| 8′ | Warum Aussehen kein Thema für Urteile ist Kurzes Gespräch in der Runde, freiwillig: Was kann man sich am Aussehen aussuchen, was nicht? Was kann ein Satz über das Aussehen bei jemandem auslösen, auch wenn er als Witz gemeint war? Keine eigenen Erlebnisse abfragen, keine Beispiele über Kinder hier im Raum, keine Gewichte und keine Diäten. „Was kann ein Witz über das Aussehen bei jemandem auslösen? Ihr müsst nichts von euch erzählen.“ |
| 10′ | Die Regel vereinbaren Die Leitung liest den Vorschlag vor, die Klasse darf ihn umformulieren. Abstimmung per Handzeichen. Das Protokoll schreibt den Beschluss auf, mit „nachsehen in vier Wochen“. „Unser Vorschlag: Über Körper und Aussehen anderer urteilen wir nicht, auch nicht im Chat und auch nicht als Witz. Wollt ihr etwas ändern?“ |
| 10′ | Die Zuschauerrolle üben Die drei Sätze für Zuschauende stehen an der Tafel. Zu zweit spielt ihr erfundene Lagen kurz durch (Pause, Umkleide, Klassenchat) und sagt je einen Satz. Niemand spielt das Kind, über das gelacht wird. Geübt wird nur der Satz der Zuschauenden. „Ihr übt nur den Satz der Zuschauenden. Niemand spielt das Kind, über das gelacht wird.“ |
| 2′ | Abschluss Die Lehrkraft nennt, wo man Hilfe bekommt: Klassenleitung, Vertrauenslehrkraft, Schulsozialarbeit, die Box für den Klassenrat und die Nummer gegen Kummer 116 111. Der Termin zum Nachsehen steht im Protokoll. „In vier Wochen schauen wir nach, ob die Regel hält. Wer vorher Hilfe braucht, weiß jetzt, wohin.“ |
Drei Sätze für Zuschauende (an die Tafel)
- „Komm, wir gehen.“ Zu dem Kind, über das gelacht wird. Du holst es aus der Lage, statt mit den anderen zu streiten.
- „Lass das, das ist nicht okay.“ Einmal, ruhig, an die Person, die lacht. Dann nicht weiter diskutieren.
- „Ich sag es jetzt einer Lehrkraft.“ Und dann tust du es. Hilfe holen ist kein Petzen, es ist Schutz.
Vorher
- Gibt es gerade einen Fall in der Klasse: erst mit dem betroffenen Kind allein sprechen und fragen, ob die Stunde jetzt hilft oder lieber später kommt. Die Stunde ist keine Strafstunde für einen Vorfall.
- Den Fall selbst regelt die Schule mit den Beteiligten einzeln, nicht im Klassenrat.
Was nie passiert
- Kein Kind als Beispiel nehmen, keine Fotos, keine Bilder von echten Kindern.
- Nicht über Gewicht, Kalorien, Diäten oder Essstörungen aufklären. Das kann mehr Diätverhalten auslösen (Carter und andere 1997).
- Niemand muss etwas über sich erzählen. „Weiter“ ist immer erlaubt.
- Kein Lob und keine Bewertung von Aussehen, auch nicht positiv.
Für die Kinder: die Seite „Jemand lacht über mein Aussehen“ mit drei Schritten, einem Satz für Erwachsene und den Anlaufstellen.
Anti-Mobbing-Programme wirken moderat (Gaffney, Ttofi und Farrington 2021). Aussehen und Gewicht sind häufige Gründe für Hänseleien, viele sehen zu (Puhl, Luedicke und Heuer 2011). Folgen für das Körperbild (Menzel und andere 2010). Spotlight-Effekt (Gilovich, Medvec und Savitsky 2000). Warum keine Aufklärung über Essstörungen (Carter und andere 1997). Klassenrat nach Blum und Blum 2012.
Neu in der Klasse, im Referendariat oder im Quereinstieg? Checkliste für die erste Stunde und die erste Woche.